Tag elf.
Heilt Zeit nicht alle Wunden? Das behauptet doch zumindest dieses blöde Sprichwort. Oder ist das überhaupt ein Sprichwort? Was definiert ein Sprichwort? Ich habe nicht die geringste Ahnung und es spielt auch keine Rolle.
Wie so oft in den letzten Tagen schnürt sich meine Kehle zu, als ich nicht verhindern kann, dass meine Gedanken wieder in die Richtung abschweifen, in die sie keinesfalls wandern sollten. Nur ist das leichter gesagt als getan.
Denn der Schmerz über den Verrat sitzt tief. Und anscheinend sind elf Tage nicht ausreichend Zeit, um über so etwas hinwegzukommen. Aber wie viel Zeit ist genug? Reden wir über weitere elf Tage? Oder muss ich mich auf Wochen oder sogar Monate einstellen?
Das sind jedoch Fragen, über die ich lieber nicht zu genau nachdenken möchte. Vor allem, weil ich aus einem komplett anderen Grund hier bin.
Okay, das stimmt nicht ganz. Ohne das, was vor elf Tagen passiert ist, wäre ich heute nicht hier. Nicht in Los Angeles. Nicht vor dieser Tür.
Was ich gemeint habe, ist, dass der heutige Abend eine gute Gelegenheit sein sollte, all den Scheiß hinter mir zu lassen. Auf andere Gedanken zu kommen. Neue Freundschaften zu schließen. Oder wenn schon nicht ganz frische zu knüpfen, dann wenigstens das zu verstärken, was sich für mich etwas überraschend in den letzten elf Tage ebenfalls entwickelt hat.
Ich beiße die Zähne aufeinander und atme einmal bewusst langsam durch die Nase aus. Bevor ich etwas, von dem ich hoffe, dass es einem Lächeln nahekommt, auf meine Lippen zwinge. Dann hebe ich meinen Arm und drücke auf den runden Knopf der bronzefarbenen Klingel.
Ein bisschen bin ich schon verwundert, dass die Hausherren die Eingangstür nicht gleichzeitig mit dem Tor für das Taxi, mit dem ich vom Flughafen gekommen bin, geöffnet haben.
Aber keine Ahnung. Vielleicht ist das so ein Sicherheitsdings von ihnen. Möglicherweise wollen sie zuerst in einer der hier angebrachten Überwachungskameras mein Gesicht sehen, bevor sie diese Tür öffnen. Daniel Miller ist ein viel größerer Eishockeystar, als ich es bin. Und dann ist das hier auch noch das verruchte Los Angeles. Was weiß ich denn, was hier der Top-Stürmer der gesamten NHL tun muss, um seine Ruhe zu haben.
„Ich mach’ schon! Ich mach’ schon!“, schallt mir entgegen, als auf einmal schwungvoll die Tür vor meiner Nase aufgerissen wird.
Für einen Moment scheint die Zeit stillzustehen. Das Einzige, was mir sagt, dass das nicht stimmt, ist, dass im Hintergrund weiterhin die Musik vor sich hin tüdelt.
‚It’s Raining Men‘ von den Weather Girls, flüstert mir mein Gehirn unnötigerweise zu.
Wobei … Ich lasse meinen Blick über den Mann vor mir gleiten. Eigentlich habe ich im Moment von Männern genug und eine neue Beziehung will ich auf gar keinen Fall eingehen. Aber bei diesem Prachtexemplar könnte ich schwach werden.
Vielleicht ein paar Jahre älter als ich. Schlank. Fast gleich groß wie meine Wenigkeit – was durchaus ungewöhnlich ist. Hellbraune, etwas überlange Haare, die sich im leichten Luftzug wie in einer verdammten Shampoo-Werbung bewegen. Dazu ein gepflegter Vollbart und whiskeyfarbene Augen, die mich mit unerwarteter Wärme und gleichzeitig einem nicht übersehbaren Amüsement anblicken.
Also, wenn es solche Männer regnen würde … da hätte ich nichts dagegen. Nein, in dem Fall hätte ich überhaupt nichts dagegen einzuwenden.
Nur … ist das keiner der Hausherren. Auch nicht eines der anderen Mitglieder der Gay Gang, wie sich die Gruppe der queeren Eishockeyspieler nennt, die sich mittlerweile in der besten Eishockeyliga der Welt geoutet haben. Ebenfalls ist es keiner ihrer Partner.
Ich weiß das viel zu gut. Einerseits weil ich die Bande seit ihrer Entstehung im Internet verfolge. Oder stalke, wie David immer etwas genervt gemeint hat. Wieder einmal gibt es mir einen schmerzhaften Stich ins Herz, während sich Wut in meinem Bauch zusammenbraut, als ich nur den Namen meines Ex denke.
„Aaron ist da“, ruft in dem Moment der mir Unbekannte über seine Schulter.
Ob er dabei von irgendjemandem gehört wird, kann ich nicht beurteilen. Die Musik tönt mit ungebremster Lautstärke, Fetzen von Unterhaltungen sind dazwischen gerade noch wahrnehmbar und ist das … Kinderlachen?
„Da bist du mir gegenüber aber im Vorteil“, sage ich und wundere mich selbst darüber, wie rau und gleichzeitig seidig meine Stimme sich bei diesen Worten anhört.
Dem Fremden muss mein Tonfall gefallen, denn ein Lächeln stiehlt sich auf seine Lippen, das sein ganzes Gesicht erstrahlen lässt.
„Julian Richard Alexander Monserrat, Prinz von Terengien.“ Er streckt mir seine Hand entgegen.
Wie automatisch ergreife ich sie und schüttle sie. Meine Gedanken rasen wie verrückt. Habe ich das richtig verstanden? Hat er wirklich gesagt, dass er ein Prinz ist? Aus Terengien? Das ist das Einzige aus dem ganzen Satz, was halbwegs Sinn ergibt. Sowohl Daniel Miller als auch sein Ehemann Nico stammen von dem kleinen Inselstaat in der Nordsee. Und es ist eine Monarchie. Ähnlich wie mein Dänemark.
Aber nur weil ich aus dem skandinavischen Land komme, heißt das noch lange nicht, dass ich irgendwelche Prinzen kennen würde. Woher sollten Daniel und Nico … Oder war das nur ein schlechter Scherz?
„Jules, alter Knabe, quälst du unser neuestes Mitglied?“, schallt in dem Moment eine laute Stimme an mein Ohr.
Ohne dass ich es bemerkt habe, ist Daniel Miller die wenigen Holzstufen hinter dem – vermeintlichen – Prinzen heruntergekommen und legt nun schwungvoll einen schweren Arm auf dessen Schulter.
„Ich habe mich nur vorgestellt“, sagt Jules … Julian … der Prinz. Verdammt!
„Mit deinem Titel und allem?“, bohrt Miller weiter.
„Aber selbstverständlich“, sagt Julian in einem herablassenden Tonfall, doch sein Blick, der während dieses Wortwechsels nie von meinem weicht, funkelt amüsiert. Ich habe keine Ahnung, was ich von dem Ganzen halten soll.
„Man muss doch damit angeben dürfen, was einem der Zufall bei der Geburt eingebracht hat“, fügt Julian dann mit einem Lachen hinzu.
Okay … heißt das jetzt … stimmt das wirklich? Hat mir gerade ein waschechter Prinz die Tür geöffnet?
„Warum? Ich binde ja auch nicht jedem auf die Nase, dass ich der Herzog von Westerholm bin“, antwortet Daniel mit einem Schulterzucken.
Mir fällt in dem Moment ein, dass ich irgendwo gelesen habe, dass der Top-Stürmer aus einem alten terengischen Adelsgeschlecht stammt. Aber dass er einen Titel trägt, ist mir neu. Und ist ein Herzog wichtig? Oder würde man das mit „niedriger Landadel“ abtun? Ich habe nicht die geringste Ahnung.
Zum Glück bleibt mir nicht viel Zeit, darüber nachzugrübeln, denn da tritt Daniel Miller einen Schritt nach vorne und zieht mich in eine Begrüßungsumarmung, die mir die Luft nimmt. Es ist eine Umarmung, als wären wir schon seit Jahren enge Freunde und nicht nur zwei Eishockeyspieler aus gegnerischen Teams, die sich immer wieder auf dem Eis gegenüberstehen.
Wo bin ich hier nur hineingeraten?
Ich grinse amüsiert, als Daniel Aaron in eine feste Umarmung zieht. Der Gute starrt mich nach wie vor mit weit aufgerissenen Augen an und wirkt etwas steif, während er Daniel ein paar Mal mit übertriebener Härte auf den Rücken klopft. Eishockeyspieler …
Ich fürchte, wir haben den Neuankömmling ein bisschen überfordert.
Einerseits Daniel mit seiner freudigen Begrüßung. In mir steigt das Gefühl auf, dass Aaron nicht oft umarmt wird. Was wirklich eine Schande ist! Bei so einem umwerfenden Mann.
Aber andererseits war das natürlich nicht die einzige Überraschung für den Eishockeyspieler. Auch mit unseren Titeln schienen wir ihn etwas aus der Bahn zu werfen. Es ist mir ein Rätsel, warum weder Daniel noch Nico jemals erwähnen, dass sie ein Teil des terengischen Hochadels sind. Okay, sie sind in der Thronfolge nicht in einem Bereich, in dem es relevant wäre. Selbst ich bin durch die Zeugungsfreudigkeit meiner Cousinen und Cousins mittlerweile auf Platz zehn hinuntergerutscht. Gott sei Dank! Ich bin meinem Cousin Alexander seine Rolle als terengischer König beim besten Willen nicht neidisch. Ich kümmere mich lieber in Ruhe um meine Kinder und unsere Weinberge.
Aber zumindest ist das ganze Hochadel-und-Thronfolge-Gedöns ein netter Gesprächseinstieg. Doch Daniel und Nico verwenden es nie. Bei ihnen dreht sich alles nur um Eishockey. Ich weiß, ich wiederhole mich, aber: Eishockeyspieler …
Apropos Eishockeyspieler. Eines muss man ihnen lassen. Der Sport sorgt dafür, dass sie absolut perfekte Körper haben. Ich hatte immer schon eine Schwäche für muskulöse Männer. Keine Gym-Bunnys oder Bodybuilder mit ihren übertrieben aufgeblasenen Muckis, aber Männer, denen man ansieht, dass sie wissen, was sie mit ihren Bodys anfangen.
Und der Mann, dem ich vorhin die Türe geöffnet habe, ist ein Musterexemplar. Zu einem anbetungswürdigen Körper kommt ein männlich kantiges Gesicht. Ein Schopf blonder Haare und ein Henriquatre Bart. Diesen Rund-um-den-Mund-Bart mit den rasierten Wangen sieht man eher selten, weil er in der Pflege doch recht aufwendig ist. Aber ich liebe das! Es zeigt mir, dass ich vor mir einen Mann habe, der auf sich achtet. Was ihn in meinen Augen nur noch attraktiver macht.
Sein Blick hat mittlerweile einen entzückend fragenden Ausdruck angenommen. Ich habe keine Ahnung, was er genau wissen will. Hängt sein Gehirn nach wie vor an der Tatsache fest, dass Daniel der Herzog von Westerholm ist? Gut möglich. Also nicke ich ein Mal.
Aarons Augen weiten sich erneut. Ich muss beinahe lachen. Der große, starke Eishockeyspieler hat etwas Bambi-Haftes an sich. Zuckersüß!
„Komm doch rein“, meint Daniel in dem Moment und löst sich aus der Umarmung. „Die anderen sind alle schon da.“
Während Daniel Aaron den Rücken zudreht und die wenigen Stufen vom Eingangs- in den Wohnbereich hochsteigt, sehe ich, wie Aaron einen tiefen Atemzug nimmt. Ist er nervös? Warum?
Ich schließe die Tür hinter ihm und klopfe ihm aufmunternd auf die Schulter. Oh! Herrlich weiches Material wird unter meinen Fingern spürbar. Der leichte, hellgrüne Pullover, der Aarons grün-blaue Augen besonders zur Geltung bringt, muss aus Cashmere sein. Wenn ich raten müsste, würde ich vermuten, dass sogar ein gewisser Seidenanteil dabei ist. Ich lächle.
Dieser Mann gefällt mir mit jeder Sekunde, die wir zusammen verbringen, besser. Ich kann es kaum erwarten, ihn heute näher kennenzulernen.
***
„… sorry, wenn ich so direkt bin, aber dein Ex ist ein absolutes Arschloch.“
„Daniel!“
Ein Grinsen zieht sich auf mein Gesicht, während ich der kleinen Eleonora beruhigend auf den Rücken klopfe. Was hat Daniel nun wieder angestellt, dass sein lieber Mann seinen Namen so entrüstet ausspricht? Die beiden sind zusammen echt unterhaltsam. Aber ich hoffe sehr, dass sie die zweijährige Tochter meines Cousins Leo mit ihren lauten Stimmen nicht wecken. Die Süße ist vor gut dreißig Minuten endlich auf meiner Schulter eingeschlafen. Ihre Zwillingsschwester Florentina schläft schon seit ein paar Stunden friedlich in ihrem Bettchen. Doch Eli war nicht müde zu kriegen.
Ein tiefes Gemurmel ist zu hören. Wohl eine Antwort oder ein Kommentar zu Daniels Aussage. Aber ich kann weder den Inhalt des Gesagten noch den Sprechenden ausmachen.
Kaum eine halbe Minute später lässt sich jemand mit einem Seufzen auf einen der anderen gemütlichen Rattansessel hier auf der Terrasse fallen. Mein Blick wandert in die Richtung, aus der ich das Geräusch wahrgenommen habe. Und da ist er wieder: mein Eishockeyspieler.
Im nächsten Augenblick muss ich innerlich über mich selbst lachen. Mein Eishockeyspieler … Seit ich Aaron vor gut drei Stunden die Tür geöffnet habe, hatten wir keine einzige Gelegenheit, ein weiteres Wort miteinander zu wechseln. Warum mein Gehirn seinem Beruf jetzt ein besitzanzeigendes Fürwort voranstellt und ihn für mich in Beschlag nimmt, ist mir nicht völlig klar.
Wobei … Ich hätte nichts dagegen. Wie gesagt, er ist ein überaus attraktiver Mann.
„Alles okay?“, frage ich leise, immer noch bemüht, das Kleinkind in meinen Armen nicht wieder aufzuwecken.
Aaron macht einen kleinen Satz, als er meine Worte hört. Wahrscheinlich dachte er, dass er allein auf der Terrasse ist. Kein Wunder. Obwohl die Terrassentür den ganzen Abend schon offen steht, findet die Silvesterparty im Haus statt und kaum einer verirrt sich hier heraus.
Genau das war einer der Gründe, warum ich mit der völlig übermüdeten Eleonora vor gut vierzig Minuten hier herausgekommen bin. Das und die nach wie vor angenehmen Temperaturen. Man mag von Los Angeles halten, was man will, aber das Wetter hat was für sich. Gegen elf Uhr abends an Silvester im Freien zu sitzen, nur mit einer Decke übergeworfen, ist schon fabelhaft.
„Sorry, Mann! Hab’ dich gar nicht gesehen“, murmelt Aaron.
Ich lache leise.
„Kein Wunder“, sage ich und deute mit meiner freien Hand um mich. Um Eli zum Einschlafen zu bewegen, bin ich zuerst mit ihr etwas auf und ab spaziert. Als ihre Augen endlich schwer wurden, habe ich mir einen der Sessel in den Schatten unter einer der großen in Töpfen wachsenden Palmen gezogen. Hier sind wir für jemanden, der nur einen schnellen Blick in die Runde wirft, kaum zu sehen.
Aaron nickt. Zögert einen Moment, steht dann aber auf und dreht seinen Sessel so, dass er nun in meine und Eleonoras Richtung zeigt.
Seine Bewegungen wirken kraftvoll und effizient. Keine unnötigen Schnörkel oder Ähnliches. Ich kann nicht anders, als mir über die Lippen zu lecken, als ich sehe, wie sich seine Muskeln unter dem feinen Pullover anspannen.
Als mein Blick an seinem Körper hinaufwandert, bleibt er bei Aarons Augen hängen. Denn egal wie stark dieser Mann ist, gleichzeitig wirkt er unglaublich erschöpft.
Mir fällt ein, dass er meine Frage von vorhin gar nicht beantwortet hat. Also stelle ich sie noch einmal: „Alles okay?“