KAPITEL 1

Zeit für ein Kennenlernen

Carter

Ungläubig starre ich auf das, was sich auf dem Eis vor mir abspielt. Am liebsten würde ich mich in den Arm kneifen, doch das geht mit den dicken Eishockeyhandschuhen, die ich immer noch trage, leider nicht. 

Aber trotzdem … das kann nicht sein. Oder?

Ich werde von hinten angerempelt. Frenshi, einer unserer Verteidiger, ist im Siegestaumel gegen mich gestoßen. Dabei merke ich erst, dass mir der Mund offen steht. Schnell schließe ich ihn.

Auf einmal ist alles wieder da. Als hätte mein offener Mund geschluckt, was rund um mich passiert. Die Halle tobt. Mehr als 19.000 Fans sind in der Amerant Bank Arena auf den Beinen. Zu Recht! Wir haben gerade die New Jersey Devils besiegt. Ganz knapp. In Spiel sieben im Conference-Halbfinale.

Ich sollte auch feiern. Denn dieser Sieg bedeutet, dass uns nur noch zwei Mannschaften davon trennen, den Stanley Cup, die wichtigste Trophäe im Eishockey, in den Händen zu halten. Ich schüttle den Kopf wie ein Hund, der Wasser aus seinem Fell loswerden will, und versuche, ganz ins Hier und Jetzt zurückzufinden. Als ich das Gefühl habe, dass ich etwas klarer bin, nehme ich noch einen tiefen Atemzug. Dann traue ich mich ein weiteres Mal, in die Richtung meines besten Freundes und Teamkollegen Lars zu sehen.

Bewusst presse ich die Zähne aufeinander, um nicht wieder mit offenem Mund herumzustehen. Denn das Bild vor mir hat sich nicht geändert.

Okay, schon. Die Menschen, die sich mit mir auf dem Eis befinden, sind nicht eingefroren oder so. Sie lachen und bewegen sich. Liegen einander in den Armen.

Was sich nicht geändert hat, welches vermeintliche Trugbild sich nicht aufgelöst hat – das ist es, was gleich geblieben ist.

Neben Lars steht nach wie vor ER. Gerade nimmt er mit strahlendem Gesicht und einem Lachen, das ich bis in meine Zehenspitzen spüre, Lars’ kleine Tochter entgegen, die wohl nicht mehr auf dem Arm ihrer Mutter bleiben will.

Seine blonden Haare, die ich das letzte Mal unter der steifen Mütze nur erahnen konnte, wippen dabei fröhlich mit jeder Bewegung seines Kopfes mit, während er der kleinen Melissa einen Kuss auf die Wange gibt. Was diese sich erstaunlicherweise gefallen lässt. Mich drückt sie immer mit ihren dicken Ärmchen weg, wenn ich das versuche.

Doch die Reflexionen bezüglich der eineinhalbjährigen Melissa sind nichts als Ablenkung. Gedanken, die zwar durch meinen Kopf schießen, aber die bedeutungslos sind. Denn es zählt nur eines.

Was macht ER auf dem Eis?

Woher kennt er meinen besten Freund Lars?

Wieso kennt er die ganze Familie Jansen so gut, dass Melissa sich ein Bussi von ihm gefallen lässt?

Was …

Doch weiter kommen meine Überlegungen nicht, denn in dem Moment fällt Lars’ Blick auf mich. Mit ausschweifenden Bewegungen winkt er mich zu ihnen. Meine Beine fühlen sich seltsam steif an. Oder zittern sie? Ich kann nicht einmal das mehr genau auseinanderhalten. Aber ich habe das Gefühl, als wäre ich ein neugeborenes Fohlen, das zum ersten Mal versucht, auf seinen langen Beinchen das Gleichgewicht zu halten. Und das ist nicht so einfach. Schon gar nicht, wenn man sich zusätzlich noch auf dem Eis befindet. Und Eishockeyschuhe trägt. Aber warum sollte ein Fohlen auch Schlittschuhe tragen? Ich fürchte, meine eigene Metapher hat sich gerade ad absurdum geführt. 

Irgendwie hat mein Körper es ohne mein Zutun geschafft, mich in Richtung der kleinen Familie zu bewegen. 

Und dann steht ER vor mir.

Sein Blick findet meinen. Seine Augen sind so wunderschön eisblau wie die Eisberge, die ich in Island beobachten konnte, als sie frisch von einem Gletscher abgebrochen sind. Nur sind seine Augen im Gegensatz zu den Eisbergen überhaupt nicht kalt. Klingt seltsam. Ist aber so. War schon bei unserer letzten Begegnung so. Der Mann mit den warmen, eisblauen Augen.

Mein Atem stockt. Ich habe die Wochen seither immer und immer wieder versucht, diese Farbe wiederzufinden. Habe jedem Mann und jeder Frau, die mir begegnet sind, tief in die Augen geschaut, um genau das wiederzusehen.

Habe neue Teppiche, Handtücher und Vorhänge geshoppt. Nur weil ich diesen Farbton noch einmal sehen wollte.

Allerdings bin ich kläglich daran gescheitert. Wie jämmerlich das ist, wird mir erst in diesen Sekunden bewusst. Kein einziger Blauton, auf den ich in den letzten Wochen einen Blick geworfen habe, kommt auch nur annähernd an die unvergleichliche Augenfarbe des mir immer noch Unbekannten heran.

Dieser runzelt die Stirn. Fast so, als versuche er, mich einzuordnen, aber es gelingt ihm nicht. Mir wird heiß und kalt zur gleichen Zeit.

Ich halte es nicht mehr aus. Mit einer schwungvollen Handbewegung fege ich meinen Eishockeyhelm vom Kopf und lasse ihn aufs Eis knallen. 

Ein Kind kichert. Melissa muss meine Aktion wohl witzig gefunden haben. Aber ich habe für die Tochter meines besten Freundes keinen Blick übrig. Ich kann ihn nämlich nicht von dem unglaublich attraktiven Mann vor mir abwenden.

Mit einer leider immer noch behandschuhten Hand fahre ich mir durch die Haare, die sicher vom Schweiß und Helm komplett zerdrückt an meinem Kopf kleben. 

Irgendetwas muss diese Bewegung ausgelöst haben. Denn für einen Sekundenbruchteil weiten sich die wunderschönen Augen meines Gegenübers. Dann ziehen sich seine Mundwinkel nach oben. Und schon liegt auf den Lippen, die voll und rosig zwischen dem etwas überlangen Vollbart hervorblitzen, das schönste Lächeln, das ich mir je vorstellen könnte.

Ich merke, wie sich wie von selbst auch mein Mund zu einem Lächeln verzieht, als plötzlich die Stimme meines besten Freundes Lars an mein Ohr dringt: „Das wird aber Zeit, dass ihr euch endlich kennenlernt. Carter, das ist mein Bruder Nils.“

Verdammte Scheiße, was?!