„Bitte, geh nicht!“
Die Tränen, die sich in den letzten Minuten in meinen Augen gesammelt haben, denen ich aber verboten habe zu fallen, sind in dem kurzen Satz hörbar. Verdammt! Doch was soll ich machen? Mein Herz zerspringt gerade in tausend Stücke.
Giselle seufzt und dreht sich von dem Koffer, in den sie ihre Habseligkeiten hineinwirft, zu mir um. Ihr Blick bringt mich beinahe um. Es spiegelt sich etwas darin, das ich mehr hasse als alles andere auf der Welt: Mitleid.
Davon hatte ich in meinem Leben schon genug. Wollte es nie. Möchte es jetzt nicht. Aber leider kann man Menschen nicht ändern. Auch das habe ich auf die harte Tour gelernt.
„Schätzchen“, sagt Giselle und nimmt meine Hand. Ihr Blick unglaublich weich. „Du weißt genauso gut wie ich, dass du mich nicht wirklich willst.“
Scheiße! Die Tränen drohen jetzt endgültig überzuquellen, denn die Wahrheit ist, sie hat recht. Giselle und ich waren von Anfang an keine gute Idee. Als Formel-1-Fahrer wird erwartet, dass man eine Frau an seiner Seite hat, die quasi ein Supermodel ist. Und Giselle entspricht diesem Klischee in mehr Aspekten als nur mit ihrem Namen.
Zu Beginn unserer Beziehung war sie von der Aufmerksamkeit und den Avancen, die ich ihr gemacht habe, begeistert. Es passiert nicht jeden Tag, dass ein Formel-1-Weltmeister an einem interessiert ist. So viele von uns gibt es nämlich gar nicht. Das mag eingebildet klingen, aber ich bin verdammt stolz auf das, was ich erreicht habe. Die meisten Menschen können sich nicht vorstellen, wie viel Arbeit und Hingabe da dahintersteckt. Es ist viel mehr, als in ein Auto einzusteigen und einfach ein paar Runden im Kreis zu fahren – wie böse Zungen behaupten.
Leider hat sich trotz meiner Bemühungen schnell herausgestellt, dass Giselle und ich nicht wirklich kompatibel sind. Sie liebt es, auf Partys zu gehen und der Mittelpunkt von allem zu sein. Während ich einen gemütlichen Abend zu Hause bevorzuge. Sie lebt am liebsten einfach in den Tag hinein, während ich schon immer ausgesprochen bewusst und strategisch vorgegangen bin. Sonst wäre ich heute nie da, wo ich nun bin. Und zu guter Letzt: Sie liebt Hunde und ich Katzen. Es war von Anfang an verdammt.
Ich glaube, das war uns beiden innerhalb weniger Wochen klar. Aber keiner von uns hat deswegen Schluss gemacht. Sie, weil sie all die Vorteile, die es mit sich bringt, die Frau an meiner Seite zu sein, viel zu sehr genoss. Okay, das hört sich jetzt schrecklich an. Als hätte Giselle mich ausgenutzt. Doch das entspricht ganz und gar nicht der Wahrheit. Sie ist eine ausgesprochen herzliche Person und ich weiß, dass sie mir nie etwas Böses wollte. Sie war immer an meiner Seite und hat mich unterstützt. Auch wenn es im Hintergrund mehr als geknirscht hat.
Das war der Grund, warum ich das Ganze nie beendet habe. Und wenn ich ausnahmsweise einmal komplett ehrlich mit mir selbst bin, ist der Grund hinter diesem Grund, dass ich es hasse, allein zu sein.
Und schon sind wir an des Pudels Kern angelangt. Bei dem Punkt, warum ich immer derjenige bin, der verlassen wird, und selbst noch nie Schluss gemacht habe. Mein Leben hat mir bereits mehr als genug geliebte Menschen entrissen, da werde ich einen Teufel tun und eigenhändig anfangen, jemanden daraus zu streichen. Was macht es schon, wenn sie nicht perfekt sind? Wer ist denn fehlerfrei? Ich selbst ganz sicher nicht.
„Aber wir haben doch eine gute Sache am Laufen“, halte ich nun endlich Giselles leider wahren Aussage gegen. Ich weiß, dass es nichts bringt, aber ich kann nicht aus meiner Haut.
Giselle drückt meine Hand, als ihr glockenhelles Lachen den Raum ausfüllt. „Wann hatten wir denn das letzte Mal Sex?“
Uh! Ich weiß nicht, was ich darauf antworten soll. Ich war noch nie jemand, der einen wahnsinnig großen Sexdrive hatte. Während meine Schulkollegen oder anderen Freunde nichts als Mädchen im Kopf hatten, habe ich lieber trainiert.
Natürlich kam mit dem Erfolg auch die Aufmerksamkeit der Frauen. Und ich habe das genossen. Bis zu einem gewissen Punkt zumindest. Eines hat sich nämlich nicht geändert. Am Ende eines langen Tages gehe ich am liebsten schlafen. Und das ist kein Euphemismus. Ausreichend Schlaf ist einer der wichtigsten Faktoren, um in der Lage zu sein, sein Bestes geben zu können. Da gehe ich nur ungern Kompromisse ein.
„Darf ich dich etwas fragen?“, meint Giselle dann vorsichtig. Ich vermute, in meinem Blick war zu sehen, dass mich die letzte Frage und ihr Lachen durchaus getroffen haben.
Ich zucke mit den Schultern.
Giselle dreht sich ganz mir zu und sieht mich mit einem Blick an, von dem ich das Gefühl habe, dass sie mir bis in die tiefsten Tiefen meiner Seele schauen kann. Und hier haben wir einen weiteren Grund, warum ich sie sehr schätze, auch wenn wir sonst kaum kompatibel sind: Sie ist ein ausgesprochen feinfühliger Mensch, der vieles sieht, was anderen nie im Leben auffallen würde.
Aber nun bin ich mir doppelt unsicher, ob ich diese Frage hören will. So hat sie mich in all den Monaten unserer Beziehung bisher nur ein einziges Mal angesehen. Und da hat sie mir eine Wahrheit ins Gesicht gesagt, an der ich bis heute zu knabbern habe.
„Wärst du nicht lieber mit jemand anderem zusammen?“
Und hier ist sie. Die weitere Wahrheit, die ich nicht hören wollte.
Denk nicht einmal daran!
Mit Schwung dränge ich mich vor Daniel Miller. Versuche, dem berühmten Stürmer der L.A. Kings den Puck abzuluchsen. Es ist das zweite Drittel in unserem letzten Spiel in der regulären Saison. Diese endet, wie sie angefangen hat. Mit einem Match meiner Anaheim Ducks gegen Millers Kings.
Eigentlich geht es um nichts mehr. Unsere beiden Teams haben sich bereits für die Play-offs qualifiziert. Unsere Gegner für die erste Runde stehen auch schon fest – egal, wie das heutige Spiel ausgeht. Ich werde mit den Ducks gegen die Vancouver Canucks und die Kings gegen die Las Vegas Golden Knights antreten.
Das heißt aber noch lange nicht, dass ich meinen Job heute nicht gut machen werde. Ich bin Eishockeyprofi mit Leib und Seele. Und ich gebe alles. Immer.
„Miller, hier“, schallt über das Eis.
Automatisch versucht mein Körper, sich in die Richtung zu bewegen, aus der der Schrei kam. Mich zwischen Miller und den ihn Rufenden zu schieben. Denn das war Christian Griendstrom, Little Chris, der mit Miller in einer Linie spielt. Die beiden sind ein absolutes Dream-Team auf dem Eis. Und zusammen mit Quick Quinn, ihrem Dritten im Bunde, haben sie in dieser Saison mehr Punkte gemacht als jede andere Angriffslinie in der Liga.
So schnell es meinem Körper möglich ist, schiebe ich mich in die Schussbahn zwischen die gegnerischen Stürmer. Aber ich bin um einen Sekundenbruchteil zu spät. Ich höre das vertraute Klackern, als der Puck mit der Schaufel von Millers Schläger Kontakt bekommt. Miller passt zu seinem Kollegen. Oder versucht es zumindest. Hoffentlich deckt Sunny, mein Verteidigungskollege, den unerträglichen Rookie.
Ein Geräusch, das mir sagt, dass gerade siebzehntausend Menschen gemeinsam die Luft anhalten, geht durchs Stadion. Leider bedeutet das, dass mein Wunsch nicht in Erfüllung gegangen ist. Sunny war wohl nicht erfolgreich und der junge Mann, für den mein Vater nur Schimpfwörter übrig hat, die ich nicht einmal in meinem Kopf wiederholen möchte, hat nicht nur den Puck, sondern wagt sogar einen Schuss aufs Tor.
Nicht, dass zwischen unseren Torpfosten nicht ebenfalls ein Opfer solcher verbaler Attacken meines Vaters stehen würde. Und dass Miller nicht auch in diese Kategorie fallen würde.
Erst heute Vormittag hat sich mein Dad bei unserem üblichen Telefonat vor einem Match darüber ausgelassen, dass es zum Kotzen sei, dass sie es zulassen, dass in der NHL mittlerweile drei schwule Männer spielen. Zwei bei den L.A. Kings – Daniel Miller und Little Chris – sowie ein weiterer ausgerechnet in meinem Team – unser Tormann Robert Beaurump, genannt Robster.
Zum Glück werden meine Gedanken unterbrochen, als erleichtertes Jubeln die Arena erfasst. Offensichtlich hat unser Goalie seinen Job gemacht. Ich wirble herum. Da sehe ich, dass Robster am Boden ist, den Fanghandschuh fest auf den Puck gedrückt. Ich habe keine Ahnung, was ich von ihm und den anderen beiden Spielern halten soll. Ich dachte immer, mein Vater hat völlig recht mit seinem Gezeter über Homosexuelle. Dass sie sich, wenn es unbedingt sein muss, beim Eiskunstlauf oder Ballett austoben sollen, doch beim Eishockey nichts verloren haben. Aber dann hat die Liga mehr als klargemacht, dass Miller, Little Chris und Robster absolut willkommen sind und dass irgendwelche Angriffe gegen sie, und seien diese auch nur verbaler Art, nicht toleriert werden.
Alle halten sich daran. Manche jedoch nur mit durchaus verbissener Miene. Ich habe ebenfalls einige Fehler gemacht. Wenn die Coaches mitgekriegt hätten, was ich in der einen oder anderen Minute Robster zugeflüstert habe, dann könnte es gut sein, dass ich heute nicht mehr hier auf dem Eis stehen würde. Sondern meinen Job los wäre. Doch Robster hat alles komplett gelassen hingenommen. Ich glaube, diesen Mann kann überhaupt nichts aus der Bahn werfen. Wie zu jedem anderen auch war er immer ausgesprochen … nett zu mir.
Meine Stirn runzelt sich unwillkürlich bei diesem Wort. Denn Robster war nicht nur nett zu mir, er hat mir auch gewisse Dinge unterstellt. Oder zumindest impliziert, dass er das denkt. Ich habe nicht die geringste Ahnung, warum.
Wut steigt in mir auf. Wenn mein Vater mitkriegen würde, dass einer der drei glaubt, dass ich so … verquer bin wie sie … Mein Magen rebelliert und mir wird leicht übel. In mir staut sich alles so zusammen, dass ich absichtlich auf eine Art bremse, die Schnee von der Eisfläche aufwirbelt und ihn durch das Gitter der Maske direkt in Robsters Gesicht spritzt.
Sofort regt sich mein schlechtes Gewissen. Das ist etwas, das man niemandem antut. Weder dem gegnerischen Tormann und schon gar nicht dem eigenen. Goalies sind fast so was wie heilige Kühe. Und Teil unseres Jobs als Verteidiger ist, unseren Tormann mit allem, was wir haben, zu schützen. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Fäuste fliegen, nur weil jemand vom gegnerischen Team dem eigenen Goalie zu nahe gekommen ist.
Und Robster ist nicht nur irgendein Goalie. Er ist der beste Goalie, den unsere Mannschaft in den letzten Jahren hatte. Er ist sogar einer der besten Tormänner in der ganzen Liga. Sagte auch mein Vater immer und lobte ihn in den höchsten Tönen. Bis … ja, bis er vor einigen Monaten allen Respekt vor ihm verlor.
Ich wusste es zu dem Zeitpunkt schon seit ein paar Wochen. Denn nach einem Spiel in Seattle gegen die Kraken hat Robster wie aus dem Nichts in der Umkleidekabine einfach gesagt, dass er schwul ist. Und auch noch Liebeskummer hat. Ich bin aus allen Wolken gefallen. Wie kann so ein toller Eishockeyspieler auf Männer stehen? Das ergibt doch überhaupt keinen Sinn.
Ich war von der ganzen Sache so verwirrt, dass ich das Drama meinem Vater erst einmal verschwiegen habe. Und mir wird gleich noch ein bisschen schlechter. Ich muss zugeben, dass ich durchaus das eine oder andere Wort, das mein Vater homosexuellen Menschen gegenüber verwendet, auch Robster entgegengeschleudert habe. Was mir heute unglaublich leidtut. Nicht, dass ich das Robster jemals gesagt hätte. Aber ich weiß beim besten Willen nicht, wie ich mich verhalten soll, wenn er in der Nähe ist. Er ist komplett anders, als ich immer dachte, wie schwule Männer sind. Und wenn ich ganz ehrlich bin, verwirrt mich das. Ziemlich sogar. Doch weiter kommen meine Gedanken nicht.
„Nicht cool!“, dieser Ruf plus ein Rempler gegen meinen Brustkorb, holen mich zurück ins Hier und Jetzt.
Little Chris hat offensichtlich gesehen, was ich mit Robster gemacht habe, und geht nun dazwischen. Muss das sein?! Wobei … eigentlich sollte es mir nur recht sein. Wenn er dafür eine Strafe kassiert, dann ist das nur ein Vorteil für uns. Zumindest versuche ich, mir das einzureden. Ebenso wie die Stimme meines Vaters in meinem Kopf mir sagt, dass so eine Schwuchtel nichts anderes verdient hat. Doch mein ohnehin schon schlechtes Gewissen wird durch das Ganze nur noch größer.
Ich werfe einen Blick in Richtung der Schiedsrichter, aber die sind wieder einmal anderwertig beschäftigt und haben offenbar nichts gesehen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich froh oder traurig darüber sein soll. Scheiße! Ich hasse es, wie zerrissen alles momentan in mir ist.
„Lass ihn“, meint Robster, der mittlerweile aufgestanden ist, leise und klopft Little Chris mit dem Fanghandschuh auf die Schulter.
Und … schon wieder weiß ich nicht, was ich tun soll. Robster dafür danken, dass er mich vor Little Chris rettet? Oder eher davor, etwas zu tun, das mir ganz sicher eine Strafe einbringen würde? Denn egal, wie ahnungslos die Schiris sonst oft sind, wenn es um mich geht, haben sie die unangenehme Angewohnheit, sogar die kleinste Regelübertretung mitzubekommen.
Oder sollte ich ihm sagen, dass er sich raushalten soll, da der Rookie bei einem Fight sowieso keine Chance gegen mich hätte? Mein Vater würde ganz sicher Letzteres empfehlen. Vor allem, da er immer und immer wieder klarmacht, dass man nie, aber auch wirklich niemals einen Schwulen gewinnen lassen darf. Was er davon halten würde, wenn ich mir von so jemandem sogar helfen …
„Aber …“, protestiert Little Chris.
Doch Robster schüttelt nur den Kopf und schaut Miller dabei vielsagend an.
Dieser springt natürlich sofort in die Bresche und meint bestimmt: „Komm, Chris.“
Scheiße! Scheiße! Scheiße! Was bedeutete dieser non-verbale Austausch zwischen Miller und Robster? Ich weiß, dass unser Tormann einen gewissen Verdacht hat, was mich betrifft. Ich habe zwar keine Ahnung, wie er darauf kommt, aber … Hat er irgendetwas gesagt?! Zu Miller? Oder sogar zu dem kleinen Arschloch Little Chris? Die Übelkeit wird derart dicht in meinem Bauch, dass ich hier wegmuss, wenn ich mich nicht aufs Eis übergeben will. Mein Vater … ich habe keine Ahnung, was er machen würde, wenn er das mitbekommen würde. Mich verstoßen. Mindestens.
Ich drehe mich zur Spielfeldmitte, um für den Einwurf des Pucks bereit zu sein, und verfluche mich selbst innerlich. Ich habe letzte Woche einen Fehler gemacht. Unser Kapitän Harty hat eine Party geschmissen, und zum ersten Mal ist Robster nicht allein, sondern mit seinem Partner aufgetaucht.
Ich hatte davor noch mit meinem Dad telefoniert und er hatte sehr klare Ideen, was ich machen sollte, wenn ich auf Robster und Matt treffen würde. Wie es der Zufall dann wollte, stand Robster auf einmal allein vor mir. Es war auch keiner der anderen in Hörweite. Also sind mir ein paar Worte herausgerutscht. Ein paar Worte, die man eigentlich niemals sagen sollte. Ich wage es ja kaum, sie jetzt in Gedanken zu wiederholen.
Doch zu meiner großen Überraschung hat meine Tirade Robster überhaupt nicht getroffen. Nicht mal zu berühren schienen ihn die hässlichen Worte. Stattdessen hat er sie vollkommen anders aufgenommen … interpretiert? Verdreht? Ich weiß nicht ganz sicher, was ihn zu diesem Schluss hat kommen lassen. Aber … aber …
Du weißt genau, was er verstanden hat, flüstert eine sanfte Stimme in mir.
Eine Stimme, die ich immer mit aller Macht ignorieren musste, weil ich schon als Kind wusste, dass mein Vater mich auf die Straße setzen würde, wenn ich tun würde, was sie vorschlägt. Eine Stimme, die ich, seit ich ein Jugendlicher war, erfolglos versuche, zum Schweigen zu bringen. Eine Stimme, die jetzt immer lauter wird. Auch wenn ich mir nicht sicher bin, warum. Und genau diese Stimme ist einer der Hauptgründe dafür, warum ich mich im Moment so zerrissen fühle.